Anthropic hat am 2. September einen Bauplan für Handels-Agenten veröffentlicht, mit Shopify, Priceline, Visa, Mastercard und Square unter den Partnern. Die Agenten durchsuchen Kataloge, stellen Warenkörbe zusammen und übergeben an die Kasse. Was das für einen Händler heißt, dessen Schaufenster dann niemand mehr ansieht.
Heute Morgen ging es hier um eine Untersuchung, nach der Programmier-Agenten selbst entscheiden, welchen Anbieter sie in eine Anwendung einbauen. Das betraf Entwicklerwerkzeuge. Am 2. September hat Anthropic einen Bauplan veröffentlicht, der denselben Mechanismus in den normalen Handel trägt: Agenten, die für einen Menschen einkaufen. Nicht als Ausblick, sondern mit lauffähigem Quellcode und einer Partnerliste, die man ernst nehmen muss.
Der Einkaufs-Agent arbeitet für den Kunden. Er durchsucht Kataloge, stellt mehrteilige Anfragen zusammen, berücksichtigt Vorlieben, zeigt Produkte, Vergleiche und den Warenkorb direkt im Gespräch, baut den Warenkorb und übergibt an die Kasse. Danach beantwortet er auch die Fragen, die sonst beim Kundendienst landen: Wo ist meine Bestellung, wie gebe ich zurück, was gilt bei Umtausch. Der ganze Vorgang findet in einem Gespräch statt, nicht auf deiner Website.
Der Händler-Agent arbeitet auf der anderen Seite: Er wertet Verkaufszahlen und Bestände aus, meldet Bestandsprobleme von sich aus, schlägt Preise und Aktionen vor und entwirft Kampagnen. Mitgeliefert werden lauffähige Umsetzungen für Einzelhandel, Reise, Telekommunikation und Ticketing, der Quellcode liegt offen. Als Partner nennt Anthropic unter anderem Shopify, Priceline, Accenture, Mastercard, Visa, Intuit, Klaviyo, Wix, Zomato und Square. Das ist keine Laborankündigung, das ist die Zahlungs- und Ladenkette.
Anthropic nennt bis zu 35 Prozent größere Warenkörbe und 60 Prozent höhere Abschlussraten. Beide Werte stehen in einer Produktankündigung des Anbieters, eingeleitet mit „Händler berichten". Es fehlt, wie viele Händler, über welchen Zeitraum, verglichen womit und in welcher Branche. Und „bis zu" ist keine Durchschnittsangabe, sondern eine Obergrenze. Die Richtung halte ich für plausibel, die Größenordnung ist unbelegt.
Für einen kleinen Händler klingt das nach einem Problem der Großen. Ist es nicht. Wenn ein Kunde seinen Agenten fragt „besorg mir das günstigste passende Ersatzteil, Lieferung bis Freitag", dann wird dein Laden entweder gefunden und verstanden, oder er kommt nicht vor. Der Agent sieht kein Schaufenster, keine schöne Startseite und keine Stimmung. Er sieht, ob Preis, Verfügbarkeit, Lieferzeit und Rückgabebedingungen sauber und eindeutig auslesbar sind. Genau das ist der Punkt, den die Untersuchung von heute Morgen schon für Entwicklerwerkzeuge gezeigt hat: Erwähnt werden ist nicht gewählt werden.
Es gibt aber auch die andere Seite, und die ist für einen Betrieb mit zehn Leuten interessanter. Der Händler-Agent ist der billigere Teil dieser Ankündigung. Bestände auswerten, Ladenhüter melden, Aktionen vorschlagen: Das sind Aufgaben, für die ein kleiner Betrieb nie jemanden einstellen würde, die aber jede Woche Geld kosten. Dafür braucht es keinen Bauplan von Anthropic, das geht mit den Daten, die in eurer Kasse ohnehin liegen. Der Einkaufs-Agent ist die Zukunft, der Händler-Agent ist diese Woche.
Nimm ein Produkt aus deinem Sortiment und frag ein Modell: „Wo kann ich das kaufen, mit Lieferung bis Freitag, in der Nähe von [dein Ort]?" Schau, ob du vorkommst und was zitiert wird. Wenn Preis oder Verfügbarkeit nicht auftauchen, liegt es fast immer daran, dass sie nirgends eindeutig stehen, sondern in einem Bild, in einem Prospekt oder gar nicht. Das ist reparabel und kostet keinen Cent Werbebudget.
Alles, was nur im Bild oder im Prospekt steht, existiert für ihn nicht.
Agenten, die einkaufen, wurden seit zwei Jahren angekündigt. Was diese Meldung von den vorherigen unterscheidet, ist, wer mitmacht: die Ladensoftware, auf der ein großer Teil des Onlinehandels läuft, zwei Kartenanbieter, ein Kassenanbieter, eine Reiseplattform. Wenn Zahlung und Warenkorb mitspielen, fehlt für den Alltag nicht mehr viel. Das kann trotzdem drei Jahre dauern, aber es ist kein Gedankenspiel mehr.
Ich würde deshalb nicht anfangen, meinen Laden für Agenten umzubauen. Ich würde anfangen, ihn eindeutig zu machen, und das lohnt sich ohnehin, weil auch Menschen davon profitieren. Preis hin, Verfügbarkeit hin, Lieferzeit hin, Rückgabe hin. Wer das hat, wird gefunden, von Menschen wie von Maschinen. Wer es nicht hat, verliert erst die Maschinen und dann die Menschen.
Quelle: Anthropic, „Building commerce agents with Claude" (claude.com, 02.09.2026), dazu der begleitende Beitrag „A guide to the anatomy of effective commerce agents" vom selben Tag. Die genannten Wirkungswerte sind Angaben aus der Produktankündigung, nicht unabhängig gemessen. Stand: 04.09.2026.
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