OpenAI will Texten aus ChatGPT und Codex ein verstecktes Muster in der Wortwahl mitgeben, zuerst in der EU. Du merkst nichts davon, und prüfen kannst du es vorerst auch nicht. Warum das trotzdem eine Nachricht für jeden ist, der KI-Texte erstellen lässt oder fremde Texte bekommt.
Bevor du dich fragst, ob deine Texte jetzt auffliegen: Das Wasserzeichen sieht niemand, und im Alltag kannst du es auch nicht selbst auslesen. Interessant ist es trotzdem, und zwar aus einem anderen Grund.
OpenAI hat am 5. Oktober 2026 beschrieben, wie Texte aus ChatGPT und Codex künftig ein unsichtbares Wasserzeichen tragen. Das Verfahren heißt textGrain. Es verändert die Wortwahl des Modells so fein, dass ein Mensch nichts bemerkt, ein Prüfprogramm aber ein statistisches Muster findet.
Für die Apps soll das in den kommenden Wochen und zunächst nur in der EU kommen. Der Hintergrund ist Artikel 50 des europäischen KI-Gesetzes: Anbieter müssen erzeugte Inhalte maschinenlesbar markieren. Die Pflicht gilt seit dem 2. August, für Anbieter, die schon am Markt waren, gibt es eine Übergangsfrist bis zum 2. Dezember.
In der Programmierschnittstelle sieht es anders aus. Dort können Kunden das Wasserzeichen seit dem 5. Oktober weltweit für ausgewählte Modelle einschalten, und es ist standardmäßig aus. Wer Texte über ein Automatisierungswerkzeug mit eigenem Schlüssel erzeugen lässt, entscheidet damit selbst, ob das Muster mitläuft.
OpenAI nennt die Grenzen selbst. Wird in einer längeren Passage jedes zehnte Wort durch ein Synonym ersetzt, fällt die Erkennung von etwa 92 auf 66 Prozent. Bei jedem vierten Wort bleiben 17 Prozent. Kurze Texte, Übersetzungen und Mathematik sind zusätzlich schwierig. Wer aus einem negativen Ergebnis schließt, ein Text sei menschlich, liegt also oft falsch. Das Wasserzeichen kann etwas belegen, aber nicht das Gegenteil.
Drei Dinge sind für Betriebe wichtig, die mit KI Texte erstellen. Erstens: In den Apps baut OpenAI das Muster selbst ein, du musst nichts einschalten. Zweitens: Wo ihr über die Schnittstelle arbeitet, ist es eine Entscheidung. Frag den, der die Automatisierung gebaut hat, ob die Option an ist und wer das entschieden hat.
Drittens, und das wird am häufigsten übersehen: Den Prüfer gibt es zunächst nicht für alle. OpenAI will ihn vorerst nur für zugelassene Forscher und Fachorganisationen freigeben, wann es mehr wird, ist offen. Einen eingehenden Text, etwa von einer Agentur, einem Freelancer oder in einer Bewerbung, kannst du also nicht selbst prüfen und daraus etwas ableiten.
Und die eigene Pflicht zur Kennzeichnung? Das Wasserzeichen ersetzt sie nicht und nimmt sie dir auch nicht ab, es gehört zu den Pflichten des Anbieters. Was du als Betrieb offenlegen musst, wenn du KI-Inhalte veröffentlichst, hängt vom Einzelfall ab. Das ist eine Frage für die Rechtsberatung, nicht für diesen Beitrag.
Was man sehen kann: Die Anbieter gehen alle denselben Weg. Anthropic markiert Texte von Claude seit August, Google hat mit SynthID vorgelegt, jetzt zieht OpenAI nach. Wer mit KI Texte erzeugt, sollte sich darauf einstellen, dass ein solches Muster bald überall mitläuft.
Ein Wasserzeichen sagt nichts über die Qualität eines Textes und nichts darüber, ob er stimmt. Fakten prüfst du so oder so selbst. Und wer nur umschreibt, damit der Prüfer nichts findet, löst kein Problem. Überarbeite einen Text, weil er dadurch besser wird, nicht um etwas zu verstecken.
Schreib in die Beschreibung jeder KI-Automatisierung, die Texte erzeugt, drei Angaben: welches Modell, ob über App oder Schnittstelle, und ob eine Markierung eingeschaltet ist. Das kostet zwei Minuten je Ablauf. Es macht dir die Frage „Wie sind unsere Texte entstanden?" beantwortbar, wenn sie jemand stellt, ob Kunde, Prüfer oder du selbst in einem halben Jahr. Das Prinzip kennst du aus unserem Beitrag zur Abschaltung von GPT-5.5: erst wissen, wo was läuft.
Die Nachricht ist kleiner, als sie klingt. Im Alltag ändert sich kaum etwas, die Texte lesen sich wie vorher. Wichtig ist die Verschiebung dahinter: Die Herkunft eines Textes wird zu einem Merkmal, das die Anbieter einbauen, nicht zu etwas, das wir erraten.
Und die ehrlichste Zeile in OpenAIs eigenen Zahlen ist die zu den Grenzen. Ein Muster, das nach ein paar Synonymen auf zwei Drittel schrumpft, ist ein Hinweis, kein Beweis. Wer es als Beweis benutzt, in die eine wie in die andere Richtung, hat sich verrechnet.
Quellen: Ankündigung von OpenAI vom 5. Oktober 2026 zum Umgang mit den EU-Regeln für Textherkunft, zusammengefasst bei TechCrunch, The Next Web und unite.ai (Verfahren textGrain, Einführung in ChatGPT und Codex zuerst in der EU, Opt-in in der Programmierschnittstelle, Erkennungsraten nach Bearbeitung, eingeschränkter Zugang zum Prüfer, Übergangsfrist bis 2. Dezember). Die Seite von OpenAI selbst war für uns nicht abrufbar. Zur Pflicht nach Artikel 50 siehe unseren Beitrag vom August. Die Empfehlungen sind unsere eigene Einordnung und keine Rechtsberatung. Stand: 06.10.2026.
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