Eine Befragung unter 150 IT-Verantwortlichen: 74 Prozent erhöhen ihr KI-Budget, und weniger als die Hälfte aller Pilotprojekte geht je in den Echtbetrieb. Dazu stellen 77 Prozent ihre Anbieter alle sechs Monate neu auf den Prüfstand. Warum so viele Projekte auf der letzten Stufe sterben, und was einen Piloten wirklich über die Schwelle bringt.
Es gibt eine Sorte Nachricht, die klingt gut und ist es nicht. Diese hier lautet: Fast drei Viertel der befragten Unternehmen erhöhen ihr KI-Budget, und kein einziges kürzt. Wer das liest, denkt an Aufbruch. Der zweite Satz derselben Untersuchung ist der interessantere, und er stand am 3. September bei TechCrunch: Weniger als die Hälfte der Pilotprojekte schafft es überhaupt in den Echtbetrieb.
Der Wagniskapitalgeber Madrona hat 150 IT-Verantwortliche in Unternehmen befragt. Ergebnis: 74 Prozent wollen ihr KI-Budget in den nächsten zwölf Monaten erhöhen, alle übrigen halten es stabil. Gleichzeitig erreicht weniger als die Hälfte der Pilotprojekte den Echtbetrieb. Das ist, so bitter es klingt, ein Fortschritt: Ein vielzitierter MIT-Bericht kam im Vorjahr darauf, dass 95 Prozent der KI-Projekte in Unternehmen keinen messbaren Ertrag brachten.
Die Zahl, die mich am meisten beschäftigt, ist eine dritte: 77 Prozent der Unternehmen bewerten ihre KI-Anbieter alle sechs Monate neu oder laufend. Madrona nennt das eine „schnell rein, schnell raus"-Dynamik und stellt fest, dass die Wechselkosten anders als bei klassischer Software niedrig sind. Dazu passt eine zweite Befragung, die a16z unter 50 Technikeinkäufern gemacht hat: Über die Hälfte will für KI nach erbrachter Leistung bezahlen, nicht nach Verbrauch. Auf Deutsch: Der Kunde traut der Sache noch nicht genug, um sie nach Aufwand zu bezahlen.
Befragt wurden IT-Verantwortliche in Unternehmen, überwiegend große. Deren Piloten scheitern an Dingen, die es bei zehn Beschäftigten gar nicht gibt: Freigabeschleifen, Sicherheitsprüfungen, Zuständigkeitsstreit zwischen Abteilungen. Es sind außerdem Selbstauskünfte, keine gemessenen Projektverläufe. Was übertragbar ist, ist nicht die Quote, sondern der Mechanismus, und der wirkt im kleinen Betrieb genauso: Ein Test läuft, alle finden ihn gut, und dann macht ihn niemand zur Regel.
Ein Pilot stirbt fast nie an der Technik. Er stirbt daran, dass nach dem Test niemand die Entscheidung trifft, dass es ab jetzt so gemacht wird. Solange es ein Versuch ist, darf man daneben weiterarbeiten wie bisher, und genau das tun alle. Ein Pilot ohne Termin, an dem der alte Weg abgeschaltet wird, ist kein Pilot, sondern ein Hobby. Das ist im Handwerksbetrieb dasselbe wie im Konzern, nur dass es dort niemand merkt, weil es kein Projektbüro gibt, das es aufschreibt.
Drei Dinge bringen ihn über die Schwelle. Ein Verantwortlicher mit Namen, nicht „das Team". Ein einziger Ablauf, nicht „wir schauen mal, wo KI hilft", denn ein Pilot ohne Grenze wird nie fertig. Und eine Zahl, die vorher feststeht: Wie lange dauert es heute, wie oft muss nachgearbeitet werden, was soll nach vier Wochen anders sein. Wer keine Zahl vorher aufschreibt, führt hinterher eine Geschmacksdiskussion, und die gewinnt immer der Gewohnte. Das ist im Kern derselbe Fehler wie bei Meta: erst die Zahl, dann die Wirklichkeit, nur andersherum.
„Ich bin dafür verantwortlich." „Wir testen genau diesen einen Ablauf." „Heute dauert er X, in vier Wochen soll er Y dauern." „Am Datum entscheiden wir: dauerhaft oder abschalten." Wenn diese vier Sätze am Anfang stehen, geschrieben, nicht gedacht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass daraus Betrieb wird. Fehlt einer davon, wird es ein netter Versuch, über den man in einem halben Jahr sagt, dass man ja mal was mit KI gemacht hat.
Vier Sätze am Anfang entscheiden, ob daraus Betrieb wird.
Die tröstliche Lesart dieser Zahlen: Es liegt nicht daran, dass KI nicht funktioniert. Die Piloten laufen ja, sonst gäbe es nichts, worüber man nicht entscheidet. Es liegt daran, dass zwischen „funktioniert im Test" und „ist bei uns die Regel" eine Schwelle liegt, die niemand technisch überwinden kann. Die muss jemand mit Namen überschreiten, an einem Datum, mit einer Zahl in der Hand.
Für einen Betrieb mit zehn Leuten ist das eine gute Nachricht, denn genau darin seid ihr besser als jeder Konzern. Ihr braucht keine Freigabeschleife und kein Projektbüro. Der Inhaber kann an einem Dienstag entscheiden, dass Angebote ab jetzt so entstehen, und am Mittwoch gilt es. Was ihr euch nicht leisten könnt, ist die Konzernkrankheit: ewig testen, nie entscheiden, und das Budget trotzdem jedes Jahr erhöhen.
Quelle: Julie Bort, TechCrunch (03.09.2026) über Erhebungen von Madrona Venture Group (150 IT-Verantwortliche) und Andreessen Horowitz (50 Technikeinkäufer), sowie den dort zitierten MIT-Bericht des Vorjahres. Alles Selbstauskünfte der Befragten. Stand: 04.09.2026.
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