Ein Agentensystem baute für ein einziges Spiel 600.000 Zeilen Code, fast doppelt so viel wie das Spiel selbst, dazu 450 interne Regelwerke und am Ende eine eigene Rolle, die nichts anderes tut, als die eigenen Regeln wieder auszumisten. Warum billige Herstellung teuren Besitz erzeugt, und welche eine Frage jede neue Regel bei euch bestehen muss.
Steve Yegge, ein bekannter Entwickler, hat für sein dreißig Jahre altes Spielprojekt eine Agentenfabrik gebaut: 50 bis 60 Agenten, darunter 18 in Führungsrollen, die zusammen rund 270 Änderungen am Tag produzieren. Simon Green hat am 3. September aufgeschrieben, was daraus geworden ist, und der Befund ist die beste Warnung, die ich diese Woche gelesen habe.
Die Zahlen sind absurd und deshalb lehrreich. Die Fabrik umfasst 600.000 Zeilen Code, fast doppelt so viel wie das Spiel, für das sie gebaut wurde. Sie hat 450 eigene Regelwerke hervorgebracht, also Richtlinien, Handbücher und Leitplanken, und irgendwann brauchte es eine eigene Rolle, deren einzige Aufgabe darin besteht, überholte Regeln wieder abzuschaffen. Über 700 Arbeitspunkte liegen unerledigt herum. Und die Spieler baten am Ende darum, das Tempo der Änderungen zu drosseln.
Greens Erklärung passt in zwei Sätze: „KI hat Code, Tests, Richtlinien, Dokumentation und organisatorisches Räderwerk fast kostenlos gemacht. Sie hat nichts davon kostenlos im Besitz gemacht." Herstellen ist billig geworden, Verstehen, Prüfen, Pflegen und Abschaffen nicht. Jede einzelne Ergänzung wirkt für sich vernünftig, in der Summe entsteht ein Bau, der sich selbst am Leben hält. Green zitiert dazu eine Auswertung, nach der Teams mit hoher KI-Nutzung 21 Prozent mehr Aufgaben erledigen und 98 Prozent mehr Änderungen zusammenführen, bei 91 Prozent längeren Prüfzeiten und 9 Prozent mehr Fehlern je Entwickler.
Das ist ein Hobbyprojekt eines einzelnen sehr erfahrenen Entwicklers, der ausdrücklich ausprobiert, wie weit man gehen kann. Niemand in einem normalen Betrieb baut 60 Agenten mit Führungsrollen. Die zitierte Auswertung stammt aus der Softwareentwicklung und misst Entwicklerarbeit, nicht Angebote oder Reklamationen. Was übertragbar ist, ist nicht der Maßstab, sondern die Mechanik: Sobald das Erzeugen nichts mehr kostet, verschwindet die Bremse, die vorher der Aufwand war.
Im Betrieb sieht dasselbe harmloser aus. Es fängt an mit einer Vorlage für das Angebot. Dann eine für die Reklamation. Dann eine Checkliste für die Übergabe, ein Merkblatt für neue Mitarbeiter, eine Regel, weil einmal etwas schiefging, und noch eine, weil etwas anderes einmal schiefging. Weil KI jede dieser Regeln in zwei Minuten schreibt, entstehen sie schneller, als jemand sie lesen kann. Nach einem halben Jahr gibt es eine Sammlung, die niemand kennt, die aber jeder befolgen soll, und die erste Frage jedes Neuen lautet: Was gilt denn jetzt wirklich?
Greens Gegenmittel sind erfrischend unbürokratisch, und sie funktionieren im Handwerksbetrieb genauso. Erstens: Regeln nur für Fehler, die tatsächlich passiert sind, nicht für solche, die passieren könnten. Zweitens: Zu jeder Regel gehört von Anfang an ein Weg, sie wieder abzuschaffen, samt Datum, an dem jemand sie anschaut. Drittens: Messen, was beim Kunden ankommt, nicht wie viel intern produziert wurde. Und über allem seine Prüffrage, die ich mir aufgeschrieben habe: Verdient das, zu existieren?
Nimm die Ablage mit euren internen Regeln, Vorlagen und Merkblättern und geh sie einmal durch. Bei jedem Stück drei Fragen: Für welchen echten Fehler ist das entstanden? Wer hat es in den letzten drei Monaten benutzt? Was passiert, wenn es weg ist? Was auf keine der drei Fragen eine Antwort hat, kommt raus. Erfahrungsgemäß ist das die Hälfte, und der Betrieb läuft danach schneller, ohne dass jemand etwas verlernt hat.
Jede Regel, die niemand mehr kennt, kostet euch trotzdem jeden Tag Aufmerksamkeit.
Über Workslop habe ich diese Woche schon geschrieben: KI-Texte, die in zehn Sekunden entstehen und zehn Minuten Lesezeit kosten. Greens Beitrag ist dasselbe eine Etage höher. Nicht Texte, sondern Strukturen: Regeln, Vorlagen, Abläufe, Zuständigkeiten. Sie entstehen jetzt genauso billig, und sie kosten genauso jemanden die Zeit, sie zu verstehen. Der Unterschied ist, dass man einen schlechten Text wegwerfen kann und eine schlechte Regel jahrelang mitschleppt.
Ich nehme das ernst, weil ich selbst betroffen bin. Mein eigenes Arbeiten besteht inzwischen aus Anleitungen, die Agenten steuern, und es ist verlockend, für jede Kleinigkeit eine neue zu schreiben. Seit heute steht Greens Frage über meiner Ablage: Verdient das, zu existieren? Ich empfehle sie jedem, der gerade begeistert anfängt, seinen Betrieb mit KI zu ordnen. Ordnung ist gut. Zu viel Ordnung ist eine zweite Arbeit.
Quelle: Simon Green, „AI Is Making Us Build Too Much" (03.09.2026), über Steve Yegges Agentensystem Wheelhouse; die zitierten Produktivitätswerte stammen aus einer dort angeführten Faros-Auswertung. Stand: 04.09.2026.
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