Eine magentafarbene leuchtende digitale Silhouette traegt gleichzeitig ein vertrauenswuerdiges und ein maskiertes Gesicht, wie ein Doppelagent — Sinnbild fuer einen kompromittierten KI-Agenten, der weiterhin volles Vertrauen und volle Rechte im Unternehmen geniesst
KI-Sicherheit · Agentic AI · 15. August 2026

Wenn der Agent
zum Doppelagenten wird.

Ein kompromittierter KI-Agent verliert nicht seine Rechte, er behält sie. Thomas Tschersich, Chief Security Officer der Deutschen Telekom, warnt: Wer einen produktiven KI-Agenten übernimmt, bekommt einen digitalen Akteur mit vollem Zugang und vollem Vertrauen im Haus — nur die Loyalität hat sich geändert, und das Unternehmen merkt es oft nicht.

Lesedauer7 Minuten
KategorieKI-Sicherheit
InterviewpartnerThomas Tschersich
Stand15. August 2026
Telekom registriert bis zu 100 Mio. Angriffsversuche täglich Kompromittierte Agenten behalten alle Rechte, nur die Loyalität ändert sich EchoLeak zeigt: Zero-Click-Datenklau bei Microsoft 365 Copilot war real Fünf Prinzipien: Onboarding, Rollen, Rechte, Monitoring, Offboarding Jeder produktive Agent braucht einen Challenger-Agenten Telekom registriert bis zu 100 Mio. Angriffsversuche täglich Kompromittierte Agenten behalten alle Rechte, nur die Loyalität ändert sich EchoLeak zeigt: Zero-Click-Datenklau bei Microsoft 365 Copilot war real Fünf Prinzipien: Onboarding, Rollen, Rechte, Monitoring, Offboarding Jeder produktive Agent braucht einen Challenger-Agenten

Wie in einem
Spionagefilm.

Der Nutzen eines KI-Agenten entsteht erst durch Handlungsrechte: Ein Agent, der nur Berichte schreibt, bringt wenig Effizienzgewinn — erst wenn er E-Mails beantwortet, Daten verschiebt oder Entscheidungen trifft, wird er wertvoll. Genau das macht ihn auch riskant. Wird ein solcher Agent kompromittiert, hat der Angreifer laut Tschersich „nicht nur Zugang zu Informationen", sondern einen digitalen Akteur, der weiterhin alle Rechte und alles Vertrauen genießt, aber jetzt für die andere Seite arbeitet: „Wie in einem Spionagefilm behält der Agent sein Cover, seinen Zugang, seine Befugnisse. Nur seine Loyalität hat sich geändert. Und das Unternehmen merkt es nicht."

Dahinter steht laut Tschersich eine „Identitätskrise bei KI-Agenten": Unternehmen haben über Jahrzehnte gelernt, menschliche Identitäten zu managen — bei KI-Agenten stehen viele wieder bei null und wissen oft nicht einmal, wie viele Agenten überhaupt aktiv sind.

Zur Person

NameThomas Tschersich
FunktionCSO Deutsche Telekom
ZusätzlichCEO T Security
Angriffe/Tag (Telekom SOC)bis zu 100 Mio.
InterviewDIGITAL X Magazin
Datum01.07.2026

EchoLeak: Kein Klick
war nötig.

Tschersich nennt als Beispiel den Fall EchoLeak — eine reale, 2025 bekannt gewordene Schwachstelle in Microsoft 365 Copilot, die wir unabhängig verifiziert haben.

CVE-2025-32711

Die Schwachstelle

Von Aim Security entdeckt, als LLM Scope Violation eingestuft, die indirekte Prompt-Injection ermöglichte. Microsoft schloss sie im Juni-2025-Patchday.

9,3

CVSS-Score

Als kritisch eingestuft. Die Lücke erforderte keinerlei Aktion des Nutzers, um ausgenutzt zu werden.

0 Klicks

Der Ablauf

Eine präparierte E-Mail genügte. Copilot verarbeitete Outlook- und SharePoint-Inhalte ohne Vertrauensgrenzen, interpretierte versteckte Anweisungen und begann automatisiert, Daten zu extrahieren.

✔️

Der Ausgang

Keine Hinweise auf aktive Ausnutzung in freier Wildbahn. Der Fall zeigt aber exemplarisch das strukturelle Risiko, das Tschersich beschreibt.

Fünf Prinzipien,
die fast überall fehlen.

Tschersichs Forderung: Für KI-Agenten dieselben Prinzipien anwenden wie für menschliche Mitarbeiter.

1. Onboarding
Eindeutige Identität

Jeder Agent braucht eine eindeutige digitale Identität, bevor er produktiv wird — bei der Telekom über Magenta Security Mobile.ID, auch für Bots und KI-Agenten.

2. Rollendefinition
Klar begrenzter Auftrag

Was darf dieser Agent, und was explizit nicht? Ohne klare Rollendefinition lässt sich kompromittiertes Verhalten kaum von normalem unterscheiden.

3. Rechtemanagement
Nur das nötige Minimum

Zugriff ausschließlich auf das, was für die konkrete Aufgabe erforderlich ist — je mehr Rechte, desto größer sowohl Nutzen als auch Risiko im Kompromittierungsfall.

4. Monitoring
Was tut der Agent wirklich?

Laufende Überwachung des tatsächlichen Verhaltens, nicht nur der beabsichtigten Funktion — die Grundlage für jede Anomalie-Erkennung.

5. Offboarding
Sauber abschalten

Wird ein Agent nicht mehr gebraucht, müssen alle Zugänge vollständig entzogen werden — sonst bleiben verwaiste, ungenutzte Rechte im System bestehen.

Bonus: Beispiel
RAN Guardian Agent

Die Telekom setzt diese Prinzipien im eigenen Mobilfunknetz um: ein Multi-Agent-System mit klaren Zuständigkeiten und eingebauten Prüfmechanismen, das das Netz in Echtzeit überwacht.

Vertrauen ohne
Kontrolle ist fahrlässig.

Über die fünf Grundprinzipien hinaus geht Tschersich noch einen Schritt weiter.

Ein zweiter Agent, der in Echtzeit prüft

Für jeden produktiven Agenten braucht es laut Tschersich einen zweiten, „der prüft, nicht nachträglich im Audit, sondern in Echtzeit." Dieser Challenger-Agent behält Handlungen und Entscheidungen des produktiven Agenten ständig im Blick und greift aktiv ein, sobald normwidriges Verhalten auftritt — ungewöhnliche Datenzugriffe, Kommunikation mit unbekannten Systemen, Entscheidungen außerhalb definierter Parameter. Ein Mensch kann das bei der Geschwindigkeit, mit der Agenten arbeiten, nicht leisten.

Shadow AI ist
das neue Shadow IT.

NIS2 und der AI Act setzen laut Tschersich wichtige Leitplanken, weil viele Unternehmen erst handeln, wenn sie müssen. Aber: „Policies stoppen keine Angreifer, Operations schon." Ein Zertifikat an der Wand bedeutet nicht, dass Agenten sicher sind — es bedeutet, dass ein Prozess dokumentiert wurde. Echter Schutz entsteht im laufenden Betrieb: tägliche Überwachung, schnelle Reaktion, konsequentes Rechtemanagement.

Seine nüchterne Einschätzung zur Verbreitung: KI-Agenten sind bereits Mainstream, aber kaum ein Unternehmen hat den Überblick, welche KI-Tools tatsächlich im Einsatz sind. „Shadow AI ist das neue Shadow IT." Die meisten Unternehmen haben weder Transparenz über ihre Agenten-Landschaft noch die Prozesse, um sie zu steuern.

Die Krise ist lösbar. Aber nur, wenn man sie ernst nimmt.

Die Werkzeuge existieren, die Konzepte sind klar. Was in den meisten Unternehmen fehlt, ist schlicht die Entscheidung, sie umzusetzen.

Behandle Agenten
wie Mitarbeiter.

Das Doppelagenten-Bild trifft den Kern des Problems präzise: KI-Agenten sind nicht einfach Software, sie sind digitale Akteure mit echten Rechten und echtem Vertrauen im Unternehmen. Genau deshalb greifen klassische IT-Sicherheitskonzepte, die auf statische Systeme ausgelegt sind, hier zu kurz.

Besonders relevant für den Mittelstand: Man braucht keinen Telekom-Konzern, um diese Prinzipien anzuwenden. Onboarding, Rollen, Rechte, Monitoring, Offboarding lassen sich auch für einen einzelnen automatisierten Workflow durchdenken, bevor er produktiv geht — die Frage ist nur, ob man es tut, bevor etwas passiert, oder erst danach.

Für uns bei AGREEMENT bleibt die Lehre unmittelbar: Wer KI-Agenten in Marketing- oder Automatisierungs-Workflows einsetzt, sollte sich dieselben fünf Fragen stellen, die Tschersich für jedes Unternehmen fordert. Effizienzgewinn und Sicherheit sind kein Widerspruch, sondern zwei Seiten derselben Entscheidung.

Merken für die Praxis

Ein kompromittierter KI-Agent behält alle Rechte und alles Vertrauen — nur die Loyalität ändert sich, unbemerkt.
EchoLeak (CVE-2025-32711, CVSS 9,3) zeigte real: Zero-Click-Datenklau bei Microsoft 365 Copilot war möglich, ganz ohne Nutzeraktion.
Fünf Prinzipien für jeden Agenten: Onboarding, Rollendefinition, Rechtemanagement, Monitoring, Offboarding.
Jeder produktive Agent braucht einen Challenger-Agenten, der in Echtzeit prüft, nicht nur im nachträglichen Audit.
Shadow AI ist das neue Shadow IT — die meisten Unternehmen wissen nicht, wie viele Agenten bei ihnen aktiv sind.

Quellen: DIGITAL X Magazin — Damit der Agent nicht zum Doppelagenten wird (Interview mit Thomas Tschersich) · The Hacker News — Zero-Click AI Vulnerability Exposes Microsoft 365 Copilot Data · Cato Networks — Breaking down EchoLeak. Stand: 15.08.2026.

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