Erst steht ICQ plötzlich wieder auf. Jetzt kündigt auch MySpace sein Comeback an. Zwei totgeglaubte Plattformen, eine einzige Woche. Ist das der Anfang einer ganzen Nostalgie-Invasion, kommt als Nächstes wirklich alles zurück, was mal einen „Uh-oh"-Ton hatte? Wir zerlegen beide Storys und die bequeme Lüge, die dahinter steckt: „Früher war doch alles besser."
Vor wenigen Tagen haben wir über ICQ Reborn berichtet — ein anonymes Fan-Projekt, das den Kult-Messenger ganz ohne Konzern und ohne Ankündigung wiederbelebt hat. Jetzt zieht die nächste 2000er-Marke nach: Tim und Chris Vanderhook, deren Firma Viant Technology MySpace seit 2011 besitzt, haben in einer 2026 erscheinenden Dokumentation namens „Myspace" einen Relaunch angekündigt.
Das Konzept klingt vertraut: ein algorithmusfreier, chronologischer Feed statt Engagement-Optimierung, dazu die alten Nostalgie-Elemente wie Top-8-Freunde, Profilsongs und handkuratierte, HTML-editierbare Profile. Zielgruppe: vor allem Künstler:innen, als Gegenentwurf zu Meta und TikTok.
So ähnlich sich beide Geschichten lesen, strukturell sind es zwei völlig verschiedene Fälle.
ICQ Reborn ist jetzt live, gebaut von anonymen Fans, ohne Erlaubnis der ursprünglichen Betreiber. MySpace dagegen ist eine Absichtserklärung der legalen Eigentümer, ohne Zeitplan, ohne Mockups. Tim Vanderhook selbst räumt einen früheren gescheiterten Modernisierungsversuch ein und sagt wörtlich: „We're just waiting for the right time to do it. And if that one doesn't work, we'll do it again." Das ist eine Absicht, kein Produkt.
Algorithmische Feeds, die auf maximale Verweildauer statt auf echte Verbindung optimieren, nerven eine wachsende Zahl an Nutzern spürbar. Ein chronologischer Feed ist plötzlich wieder ein Verkaufsargument, nicht mehr technische Rückständigkeit.
Ein Retro-Clone kostet heute technisch fast nichts mehr — egal ob Fan-Projekt wie bei ICQ oder Rechteinhaber wie bei MySpace. Ungenutzte Markennamen mit eingebauter Nostalgie sind ein unterschätztes Asset, das gerade wiederentdeckt wird.
Der eigentliche Wert von ICQ oder MySpace war nie das Interface, sondern dass alle dort waren. Das lässt sich nicht zurückholen, nur die Optik. Deshalb bleiben solche Comebacks meist Nischen-Nostalgie für eine treue Zielgruppe, nicht der nächste große Kanal.
„Früher war alles besser" ist ein uralter, zuverlässiger Trigger, der in jeder Generation neu funktioniert — genau das macht ihn für Marken so attraktiv, unabhängig davon, ob am Ende ein fertiges Produkt steht.
Der Nostalgie-Reflex blendet zuverlässig aus, wie es damals wirklich war. Ein paar Erinnerungen, die dabei gern verschwinden:
ICQs berühmter „Uh-oh"-Ton kam meistens im denkbar ungünstigsten Moment, während man sich heimlich per Modem einwählte und hoffte, dass niemand gleichzeitig telefonieren wollte. MySpace-Profile waren oft eine Zumutung aus automatisch abspielender Musik, blinkendem Glitter-GIF-Gewitter und unlesbarer Schriftfarbe auf noch unlesbarerem Hintergrund. Moderation, Datenschutz und Spam-Schutz waren auf beiden Plattformen bestenfalls rudimentär.
Der chronologische Feed, der jetzt als Befreiung verkauft wird, war damals auch der Grund, warum Zeitleisten so schnell in Spam und Bot-Content untergingen, dass Algorithmen als Lösung überhaupt erst entstanden. Nostalgie erinnert sich an das Gefühl, nicht an die Reibung. Das macht sie nicht falsch, aber sie ist eine sehr selektive Erzählung.
Was wirklich zählt, sind nicht Top-8-Listen oder Profilsongs, sondern die Frage, ob genug Menschen an einem Ort gleichzeitig bleiben, um daraus wieder ein echtes Netzwerk zu machen.
ICQ Reborn und der angekündigte MySpace-Relaunch erzählen dieselbe Geschichte aus zwei verschiedenen Richtungen: einmal von unten, aus der Community heraus, schon live. Einmal von oben, von den Rechteinhabern selbst, noch ohne Datum. Beide reiten auf derselben Welle aus Plattform-Müdigkeit und dem Wunsch nach etwas, das sich weniger nach Algorithmus und mehr nach Menschen anfühlt.
Ob daraus wirklich „was kommt als Nächstes" wird, also eine ganze Serie an Comebacks für Portale wie Wer-kennt-wen, StayFriends oder Knuddels, ist offen. Wahrscheinlicher als eine echte Rückkehr dieser Namen ist, dass sich das Muster fortsetzt: kleine, treue Nischen-Communitys für alte Marken, kein zweiter Frühling im großen Stil.
Für uns bei AGREEMENT bleibt die Lehre dieselbe wie beim ICQ-Comeback: Die eigene Geschichte ist ein echtes Marketing-Asset, aber Nostalgie ersetzt kein funktionierendes Produkt. Wer aus „früher war alles besser" eine Strategie bauen will, muss ehrlich bleiben, auch bei dem, was damals wirklich schlecht war.
Quellen: looprituals — MySpace steht vor Comeback · We Rave You — MySpace confirms it is coming back, without Myspace Tom · Fox Business — Myspace seeking a revival. Stand: 06.08.2026.
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