128.000 Kurzdramen in einem einzigen Quartal, 95 % davon KI-generiert, eine Minute Video für 90 bis 120 Dollar: In China verdrängen KI-Videos Schauspieler, Influencer und Livestreamer. Der Faktencheck zu den Zahlen der Financial Times und was Marken mit eigenem KI-Gesicht daraus lernen sollten.
Seit ByteDance im Frühjahr Seedance 2.0 veröffentlicht hat, produzieren chinesische Studios Kurzdramen schneller und billiger als jedes Filmteam. Die Financial Times hat die Zahlen dazu gesammelt, The Decoder hat sie am 29. August aufbereitet. Sie sind größer, als die meisten hierzulande vermuten, und sie betreffen genau die Werkzeuge, mit denen auch deutsche Marken ihre Videos bauen.
Im ersten Quartal 2026 wurden in China rund 128.000 Kurzdramen veröffentlicht. Das ist das Dreifache dessen, was im gesamten Jahr 2025 erschienen ist. Laut der China Netcasting Services Association waren 95 % davon KI-generiert. Kurzdramen sind das Format, das auf Douyin, Kuaishou und den Streaming-Apps den Ton angibt: Folgen von ein bis drei Minuten, Cliffhanger am Ende, Bezahlung pro Episode.
Der Grund ist schlicht Rechnerei. Eine Minute KI-Video kostet laut Shen Yang, Professor an der Tsinghua-Universität, gegenüber der Financial Times 90 bis 120 Dollar, etwa ein Zehntel dessen, was eine Produktion mit menschlichen Schauspielern bisher gekostet hat. Wer pro Episode bezahlt wird, rechnet mit diesem Faktor. Und mit Seedance 2.5 und Wan 3.0 hat die Bildqualität seit dem Sommer noch einmal einen Sprung gemacht.
Die Quote bezieht sich ausschließlich auf das Kurzdrama-Segment, nicht auf Kinofilm, Fernsehserie oder Werbung. Der Kostenfaktor „ein Zehntel" stammt von einem einzelnen Professor, nicht aus einer Branchenstatistik. Und The Decoder fasst die FT-Recherche zusammen, das Original liegt hinter einer Bezahlschranke. Die Richtung ist eindeutig, die Nachkommastellen sind es nicht.
Die Branche ist kein Nischenmarkt: 690.000 Menschen arbeiten in China direkt in der Kurzdrama-Produktion, und 15 Millionen geben Livestreaming als Hauptberuf an. Genau dort setzt die Verdrängung an. Manche Darsteller müssen laut FT ihre Stimme und ihr Aussehen in KI-Werkzeuge „destillieren" lassen, bevor sie entlassen werden. Das digitale Double bleibt, der Mensch geht. Anwälte berichten, dass Arbeitsstreitigkeiten mit KI-Bezug in den letzten zwei bis drei Jahren spürbar zugenommen haben.
Das ist der Teil der Geschichte, der in Deutschland ankommen wird, lange bevor hier jemand 128.000 Kurzdramen dreht. Denn die Werkzeuge sind dieselben. Seedance läuft heute schon in Higgsfield und in jedem Marketing-Workflow, der Videos generiert. Die Frage ist nicht, ob KI-Video billiger ist als ein Dreh. Das ist entschieden. Die Frage ist, wessen Gesicht und wessen Stimme in diesen Videos stecken und wer dem zugestimmt hat.
AGREEMENT arbeitet selbst mit einem KI-Gesicht. Der Unterschied zum chinesischen Modell ist kein technischer, sondern ein vertraglicher: Lara ersetzt niemanden, weil es sie nie als Mensch gab. Sie ist von Anfang an als KI-Persona gekennzeichnet, und es existiert keine reale Person, deren Stimme oder Aussehen dafür „destilliert" wurde. Wer dagegen echte Menschen digitalisiert, braucht deren Einwilligung für jede Nutzung, in Deutschland über das Recht am eigenen Bild und seit dem 2. August 2026 zusätzlich die KI-Kennzeichnungspflicht aus dem EU AI Act. Ein KI-Gesicht ist erst dann sauber, wenn niemand dafür gehen musste.
Jede Marke wird in den nächsten Monaten günstiger an Bewegtbild kommen als je zuvor. Der Unterschied zwischen einem sauberen und einem gefährlichen Workflow liegt nicht im Modell, sondern in der Frage, wessen Aussehen und Stimme man verwendet und ob das schriftlich erlaubt ist.
Die chinesischen Zahlen sind kein exotischer Ausreißer, sondern ein Blick auf den Preis, der auch hier kommen wird. Wenn eine Minute brauchbares Video 90 bis 120 Dollar kostet, verschwindet das Argument „Bewegtbild ist zu teuer für uns" für jeden Handwerksbetrieb, jeden Händler und jede Kanzlei. Produkterklärer, Angebotsvideos, Social-Clips: Das lässt sich ab sofort in einer Qualität bauen, für die man vor einem Jahr noch einen Drehtag gebucht hätte.
Die Warnung aus China ist der zweite Teil. Wer echte Mitarbeiter, Kunden oder gebuchte Darsteller digitalisiert, sollte das nie ohne ausdrückliche, schriftliche Einwilligung für genau diese Nutzung tun, mit Laufzeit und Widerrufsrecht. Und wer stattdessen ein eigenes KI-Gesicht aufbaut, so wie ich es mit Lara mache, sollte es von Anfang an als KI kennzeichnen. Instagram verlangt das inzwischen, der EU AI Act ebenfalls, und die Kunden honorieren es. Der billigste Weg zum Video ist nicht der, der einen Schauspieler ersetzt, sondern der, der von Anfang an keinen brauchte.
Quelle: The Decoder (Matthias Bastian, 29.08.2026) auf Basis einer Recherche der Financial Times, mit Zahlen der China Netcasting Services Association und einer Einschätzung von Prof. Shen Yang (Tsinghua-Universität). Stand: 02.09.2026.
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