Ein Lieblingsgedanke der Tech-Branche: Wenn jeder mit KI Software bauen kann, baut sich jeder seine Werkzeuge selbst. Benedict Evans hält dagegen. Die meisten Menschen sind keine Werkzeugbauer, und der schwere Teil ist nicht das Bauen. Was sein Einwand für einen Betrieb bedeutet, der auf KI wartet.
Benedict Evans, früher Andreessen Horowitz, seit Jahren einer der meistgelesenen Analysten der Tech-Branche, hat am 3. September einen Essay veröffentlicht, der gegen eine Idee anschreibt, die ich selbst gern erzähle: Mit KI kann jetzt jeder Software bauen, also verschwinden die lästigen Wiederholungsaufgaben, weil sich jeder das passende Werkzeug einfach selbst erzeugt. Evans sagt: Das setzt voraus, dass Menschen so denken. Die meisten tun es nicht.
Evans' Beispiel ist eine Scheidungsanwältin. Sie denkt an ihren Fall, an die Fristen, an die Gegenseite. Sie denkt nicht darüber nach, welches Werkzeug ihren Ablauf um eine Stunde am Tag verkürzen würde, und zwar nicht, weil sie das nicht könnte, sondern weil das nicht ihre Art zu denken ist. „Die meisten Menschen sind keine Werkzeugbauer, und die meisten denken nicht instinktiv" darüber nach, ihre Abläufe umzubauen. Genau deshalb, sagt Evans, gibt es weiterhin Menschen, deren Beruf es ist, in fremde Betriebe zu gehen und die Stellen zu sehen, die dort keiner mehr sieht: die Forward-Deployed-Leute, über die ich gestern geschrieben habe.
Software entsteht laut Evans auf einem Spektrum: oben die verordneten Systeme wie SAP, unten die improvisierten Lösungen wie die Excel-Tabelle, die irgendwann zur Abteilungswahrheit wird. Wenn eine Aufgabe vom Sonderfall zur Routine wird, die „viele Leute machen", gießt sie die Firma in eine Anwendung. KI beschleunigt das Gießen. Sie beantwortet aber nicht die Frage davor. Evans: „Der schwere Teil ist zu wissen, dass man dafür überhaupt ein Werkzeug braucht, und dann zu wissen, was das Werkzeug tun soll."
Evans belegt seine These mit Analogien, nicht mit Daten. PCs 1983, Browser 1997: Alle bekamen die Technik, verändert hat sich nur, wer sich absichtlich umgebaut hat. Das ist plausibel, aber es ist ein Argument, kein Befund. Man kann auch das Gegenteil beobachten: Das Scrum-Beispiel von heute Morgen zeigt Produktleute, die genau das lernen, nämlich nicht mehr Dokumente zu schreiben, sondern Anleitungen zu korrigieren. Evans' Einwand gilt für den Normalfall, nicht für jeden. Übertragbar ist die Frage, nicht das Urteil.
Für einen Betrieb mit zehn Leuten ist Evans' Einwand eine gute Nachricht mit einem Haken. Die gute Nachricht: Du musst nicht zum Werkzeugbauer werden. Der Dachdecker soll Dächer decken, die Steuerberaterin soll beraten. Der Haken: Wenn keiner im Betrieb so denkt, dann baut auch die KI nichts, weil ihr niemand sagt, was fehlt. Die Modelle werden jede Woche besser, GPT-6 Astra bedient seit gestern deine Maus. Das ändert nichts daran, dass jemand sagen muss: „Diese Stunde jeden Montag, die könnte weg."
Evans nennt drei Fragen, die Firmen sich bei jeder Technik stellen: Wie kaufen, bauen, einführen? Was heißt es für den Betrieb? Und was heißt es für den Wettbewerb, bis hin zur Existenz? Die ersten beiden kann man delegieren. Die dritte nicht. Und sein Schluss passt zu dem, was ich diese Woche dreimal geschrieben habe: Der eigentliche Wert entsteht nicht dort, wo bestehende Arbeit schneller wird, sondern dort, wo etwas möglich wird, das vorher niemand gemacht hat. Dafür braucht es jemanden, der hinschaut. Das ist entweder eine Person im Betrieb, die diese Art zu denken hat, oder jemand von außen, der sie mitbringt.
Frag drei Leute im Betrieb: „Welche Aufgabe machst du jede Woche, bei der du denkst, das müsste eigentlich von allein gehen?" Schreib die Antworten auf. Wenn du drei bekommst, hast du drei Werkzeuge, die gebaut werden können, und zwar von der KI, nicht von dir. Wenn du keine bekommst, hat Evans recht, und du brauchst jemanden, der die Frage anders stellt. Das Bauen ist gelöst. Das Hinschauen nicht.
Die KI baut jedes Werkzeug, das du beschreibst. Sie sagt dir nicht, welches fehlt.
Ich habe Evans zuerst als Dämpfer gelesen und dann gemerkt, dass er mein Geschäft beschreibt. Wenn jeder Werkzeuge bauen würde, bräuchte niemand jemanden, der in einen Betrieb kommt und sagt, wo eines fehlt. Weil die meisten es nicht tun, bleibt genau das die Arbeit: hinschauen, die Stunde am Montag finden, sie beschreiben, und dann erst bauen lassen. Das Bauen ist inzwischen der billigste Teil.
Für dich heißt das: Warte nicht auf das Modell, das dir sagt, was du brauchst. Das kommt nicht, auch nicht mit GPT-7. Such stattdessen die eine Person, innen oder außen, die die Frage „Was müsste von allein gehen?" nicht nur stellt, sondern nicht mehr loslässt. Mit ihr kannst du nächste Woche anfangen. Ohne sie bleibt jede KI ein Werkzeugkasten an der Wand, vollständig, und unbenutzt.
Quelle: Benedict Evans, „AI, tools, and transformation" (ben-evans.com, 03.09.2026). Stand: 04.09.2026.
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Jetzt gratis lesen →Ein Tag in deinem Betrieb, drei Leute, eine Frage: Was müsste von allein gehen? Danach hast du eine Liste, und die Werkzeuge dazu lasse ich bauen. Nicht dich.