Zwei KI-Firmen, ein Monat, derselbe Fehler: Erst lädt OpenAI rund 30 Content-Creator zu einem Luxus-Retreat ein, dann bewerben zwei bekannte Filmemacher Higgsfields neues Seedance 2.5 ohne Werbekennzeichnung — inklusive Rabatt-Link. Beide Fälle zeigen: Wer Reichweite kauft, aber die Kennzeichnung vergisst, verliert am Ende beides.
KI-Firmen kaufen sich gerade auffällig oft Reichweite bei Content-Creators ein — und vergessen dabei auffällig oft, das auch zu kennzeichnen. Zwei Fälle desselben Monats zeigen, wie schnell aus Reichweite ein Vertrauensproblem wird.
Die Filmemacher Matti Haapoja und Sam „Kold" Kolder haben in den letzten Tagen gelernt, was passiert, wenn ein Publikum den Verdacht bekommt, ihm werde etwas verkauft, ohne dass man es ihm sagt. Beide posteten Videos, die Higgsfields neues Werkzeug Seedance 2.5 zeigen — und beiden wird jetzt unmarkierte Werbung vorgeworfen.
Haapoja erklärt in seinem Video, wie der Kurzfilm „Cully Hill Boys" — mit KI-generierten Versionen der Creator N3on und Matt Kiatipis — allein aus Prompts in Higgsfields Projekt entstanden ist. Kolder zeigt Seedance 2.5, indem er sich per KI-Manipulation in Science-Fiction-Szenen einfügt; die Videobeschreibung enthält einen 30-Prozent-Rabatt-Link auf das Jahres-Abo von Higgsfield. Keins der beiden Videos ist als Werbung gekennzeichnet.
Verdächtig wurde es, als andere Creator Screenshots von Angebots-Deals einer PR-Agentur veröffentlichten, die für Higgsfield arbeitet. Weder die Creator noch Higgsfield haben Presseanfragen dazu beantwortet, ob eine bezahlte Partnerschaft vorliegt.
Anfang August lud OpenAI rund 30 Content-Creator zu einem Retreat namens „Summer Club" ins Hudson Valley ein — Zimmer im Resort Wildflower Farms für teils über 2.000 Dollar pro Nacht, dazu Imkerei, Malkurse, Merch und Produktschulungen zu ChatGPT vor Wald-Kulisse.
Die Reaktion im Netz: Kritiker:innen bezeichneten das Event als „Greenwashing" und „dystopisch" — vor allem, weil OpenAI parallel einen 500-Milliarden-Dollar-Rechenzentrums-Deal in Ohio vorbereitet und einen 200-Millionen-Dollar-Vertrag mit dem US-Verteidigungsministerium hält. Der Kontrast zwischen naturnaher Wohlfühl-Kulisse und dem tatsächlichen Ressourcenhunger von KI-Infrastruktur wurde in den Kommentaren unter den Creator-Posts direkt aufgegriffen.
OpenAI-Sprecher Drew Pusateri verteidigte das Event als „education-led" — es solle Creators direkte Produkterfahrung geben, damit sie diese ihrem Publikum zeigen können. Eine Aussage dazu, ob eine Bezahlung floss, blieb aus.
§ 5a UWG verlangt, kommerzielle Kommunikation klar als Werbung zu kennzeichnen — unabhängig davon, ob Geld, ein Rabattcode oder nur ein kostenloses Produkt geflossen ist.
Ein Affiliate- oder Rabatt-Link macht aus einem Video kommerzielle Kommunikation — unabhängig davon, ob zusätzlich Geld für die Erwähnung floss.
Beide Fälle zeigen dasselbe Muster: Das Publikum verzeiht Werbung fast immer — aber selten das Verschweigen. Der Vertrauensverlust trifft am Ende Marke und Creator gleichermaßen.
Ein einfaches „Anzeige" oder „Werbung" im Video hätte beide Kontroversen vermieden — Transparenz ist der günstigste Vertrauens-Hebel, den es im Marketing gibt.
Ob tatsächlich Geld zwischen Higgsfield und den beiden Creatorn geflossen ist, ist nicht offiziell bestätigt. Weder Haapoja noch Kolder noch Higgsfield haben sich zu einer möglichen bezahlten Partnerschaft geäußert. Die Vorwürfe stützen sich auf die zeitliche Nähe beider Videos, den fehlenden Werbe-Hinweis, den Rabatt-Link und Screenshots von PR-Angeboten Dritter — nicht auf ein Eingeständnis.
Auffällig ist auch: Der zugrundeliegende KI-Kurzfilm „Cully Hill Boys" selbst zog bei seiner Veröffentlichung vergleichsweise wenig Kritik auf sich. Der eigentliche Aufreger war nicht der KI-Content, sondern das Verschweigen der Promotion dahinter.
Der Vertrauensverlust danach kostet Monate — und lässt sich nicht mit dem nächsten Rabattcode zurückkaufen.
Weder Creator-Kooperationen noch kostenlose Produkttests sind per se unseriös — im Gegenteil, sie gehören zum normalen Marketing-Werkzeugkasten. Das Problem ist ausschließlich das Verschweigen. Beide Fälle hätten sich mit derselben Reichweite und ohne einen einzigen Kritik-Kommentar erledigen lassen, wenn irgendwo „Anzeige" gestanden hätte.
Für KI-Firmen kommt eine zusätzliche Komponente dazu, die wir hier schon einmal bei der KI-Kennzeichnung selbst beschrieben haben: Wer als Branche ohnehin im Ruf steht, mit KI-generiertem Content die Grenze zwischen echt und gemacht zu verwischen, kann sich eine zusätzliche, unnötige Intransparenz bei der Werbekennzeichnung am wenigsten leisten.
Quellen: The News (Pakistan) · Dataconomy (Higgsfield) · TechCrunch · CBC News (OpenAI „Summer Club"). Stand: 22.08.2026.
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