Die neue Bitkom-Befragung markiert einen Wendepunkt: Erstmals setzt die Mehrheit der deutschen Unternehmen KI ein. Die interessantere Zahl steht aber weiter hinten. Fast niemand holt heraus, was möglich wäre, und die Gründe dafür sind nicht technischer Natur.
Der Digitalverband Bitkom hat in den Kalenderwochen 28 bis 33 telefonisch 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten befragt, repräsentativ für die deutsche Wirtschaft. Das Ergebnis vom 14. September: 57 Prozent nutzen Künstliche Intelligenz, vor einem Jahr waren es 36 Prozent, vor zwei Jahren 20. Weitere 38 Prozent planen oder diskutieren den Einsatz, für nur noch 4 Prozent ist KI kein Thema. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst fasst es so zusammen: KI sei keine Sache einzelner Vorreiter mehr, sie sei in der Breite der Wirtschaft angekommen. Und fügt hinzu: Die entscheidenden Schritte stünden bei fast allen noch aus.
Die Frage, wie gut Unternehmen das Potenzial nutzen, beantwortet keines mit „vollständig“. 3 Prozent sehen sich bei einer eher starken Nutzung, 28 Prozent bei einer eher schwachen, und 59 Prozent schöpfen die Möglichkeiten nach eigener Einschätzung überhaupt nicht aus. Gleichzeitig steigt das Budget: 45 Prozent geben 2026 mehr Geld für KI aus als im Vorjahr, die Hälfte gleich viel.
Eingesetzt wird KI vor allem dort, wo Betriebe mit Menschen sprechen. 72 Prozent der Nutzer setzen sie im Kundenkontakt ein, etwa bei der Bearbeitung von Anfragen, 54 Prozent in Marketing und Kommunikation. Mit Abstand folgen Controlling und Rechnungswesen mit 25 Prozent, Wissensmanagement und Produktion mit je 22 Prozent. Im Vertrieb sind es nur 14 Prozent.
Bei KI-Agenten, also Systemen, die Aufgaben selbstständig über mehrere Schritte erledigen, steht die Wirtschaft ganz am Anfang. 11 Prozent der Unternehmen setzen solche Agenten bereits ein, 29 Prozent planen es, 31 Prozent diskutieren darüber, für 24 Prozent sind sie kein Thema.
Das Bild ist damit eindeutig. Die Werkzeuge sind da, die Budgets wachsen, die ersten Anwendungen laufen dort, wo man schnell etwas sieht: Antworten auf Kundenanfragen, Texte, Bilder. Was fehlt, ist der Schritt von „wir nutzen das auch“ zu „das trägt einen Teil unserer Arbeit“.
Die Zahlen sind repräsentativ für Unternehmen ab 20 Beschäftigten. Der Laden mit fünf Mitarbeitern, der Handwerksbetrieb mit zwölf, die Agentur mit drei Leuten sind nicht darin enthalten. Außerdem beruhen Nutzung und Ausschöpfung auf Selbsteinschätzung am Telefon. Wer einmal im Monat einen Text generieren lässt, zählt als Nutzer. Die 57 Prozent sagen also mehr über die Verbreitung als über die Tiefe.
Unternehmen ohne KI nennen als größtes Hindernis fehlendes technisches Know-how, 85 Prozent. Danach folgen rechtliche Unsicherheit mit 66 Prozent, schwer kalkulierbare Kosten mit 63 Prozent, fehlendes Personal mit 51 Prozent und unzureichende Daten mit 40 Prozent. Bei denen, die KI schon nutzen, verschiebt sich das Bild: Datenschutzanforderungen mit 66 Prozent, Rechtsunsicherheit mit 56 Prozent, Kosten mit 54 Prozent, Sorge vor Datenmissbrauch mit 45 Prozent und fehlende Akzeptanz im Team mit 42 Prozent.
Beim Europäischen KI-Gesetz wächst die Unruhe. 37 Prozent sehen sich als Anwender betroffen, im Vorjahr waren es 23 Prozent, weitere 34 Prozent prüfen es noch. 89 Prozent erwarten hohen Aufwand bei der Umsetzung, 66 Prozent sehen mehr Nachteile als Vorteile. Wintergerst: Der AI Act sollte Vertrauen schaffen, erzeuge aber weitverbreitete Unsicherheit.
Die aufschlussreichste Zahl steht bei den Kosten. Als große Kostenpunkte nennen die Nutzer Infrastruktur und Cloud mit 51 Prozent, Datenaufbereitung mit 50 Prozent und die Einbindung in bestehende Systeme mit 41 Prozent. Externe Beratung und Software-Abos kommen auf je 21 Prozent. Und die Schulung der Mitarbeiter landet mit 19 Prozent ganz hinten.
Legt man das neben die Hürden, ergibt sich ein Missverhältnis. Das größte Hindernis ist fehlendes Können, aber das Geld fließt zuerst in Technik. Genau das erklärt die Lücke zwischen 57 und 3 Prozent: Ein Werkzeug, das niemand richtig bedienen kann, wird genutzt, aber nicht ausgeschöpft.
Bitkom fragt, welche Bereiche große Kosten verursachen, nicht wie viel Geld wohin fließt. Dass Schulung selten genannt wird, kann auch heißen, dass sie günstig ist, oder dass sie einfach selten stattfindet. Die Befragung selbst trennt das nicht. Das Missverhältnis zwischen der meistgenannten Hürde und dem am seltensten genannten Kostenpunkt bleibt trotzdem bemerkenswert.
Erstens: ein Prozess statt zehn Werkzeuge. Nehmt den Bereich, in dem ihr ohnehin anfangt, bei den meisten ist es der Kundenkontakt, und macht ihn richtig, mit festen Vorlagen, eurem Wissen als Grundlage und einer klaren Freigabe, bevor etwas rausgeht. Zweitens: erst die Leute, dann die Lizenzen. Eine halbe Stunde gemeinsames Üben an einer echten Aufgabe bringt mehr als das nächste Abo. Drittens: Datenschutz und KI-Gesetz einmal sauber klären, statt sie jedes Mal als Grund zum Abwarten zu nehmen. Für die meisten Betriebe sind die Pflichten überschaubar, wenn man sie einmal aufgeschrieben hat.
Mich überraschen die 57 Prozent nicht. Wer heute ein E-Mail-Programm, ein Textprogramm oder eine Suchmaschine benutzt, nutzt KI, ob er will oder nicht. Die Zahl, über die ich nachdenke, sind die 3 Prozent. Sie decken sich mit dem, was ich in Betrieben sehe: KI wird ausprobiert, hier ein Text, da eine Antwort, und nach ein paar Wochen ist der Alltag wieder derselbe.
Der Grund steht in der Studie selbst. Den meisten fehlt nicht das Werkzeug, sondern das Können, und genau dafür wird am wenigsten ausgegeben. Das ist die eigentliche Chance für Betriebe, die jetzt einsteigen: Wer ein Team hat, das KI in einem Prozess wirklich beherrscht, ist nicht Teil der 57 Prozent, sondern der 3.
Quelle: Bitkom, Presseinformation „Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI“ vom 14. September 2026, repräsentative telefonische Befragung von 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten in den Kalenderwochen 28 bis 33 im Auftrag des Bitkom; daraus sämtliche Zahlen und die Zitate von Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst. Aufmerksam geworden über telecom-handel.de. Stand: 17.09.2026.
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