Anthropic hat ein Wirtschaftsmodell veröffentlicht, das KI bis 2030 in drei Szenarien durchspielt. Die spannendste Zeile steht nicht beim Weltuntergang, sondern im mittleren Szenario. Und sie betrifft jeden, der nicht am Schreibtisch arbeitet.
Die Ökonomen des Anthropic Institute um Anton Korinek haben im September ein Arbeitspapier und einen interaktiven Szenario-Rechner veröffentlicht. Die Frage: Was macht KI bis 2030 mit Wachstum, Löhnen und Arbeitslosigkeit in den USA? Die Antwort ist kein einzelner Wert, sondern ein Spektrum. Und ausgerechnet das mittlere Szenario enthält die Zeile, die für Betriebe mit Werkstatt oder Ladentür interessant ist.
Das Modell zerlegt jeden Beruf in einzelne Aufgaben. KI kann eine Aufgabe unterstützen, sie ganz übernehmen, sie unberührt lassen oder neue Aufgaben schaffen. Wie sich das in Wachstum und Löhne übersetzt, hängt davon ab, wie fähig die KI wird und wie schnell Betriebe sie einsetzen.
Im bescheidenen Szenario wirkt KI etwa wie das Internet: Sie bringt laut Arbeitspapier bis 2030 weniger als einen halben Prozentpunkt zusätzliches Wachstum, die Arbeitslosigkeit steigt um ein Zehntel Prozentpunkt. Im extremen Szenario erledigt KI bis 2030 fast die Hälfte der heutigen Kopfarbeit, die Wirtschaft wächst um 15 Prozent im Jahr, der Anteil der Löhne am Einkommen fällt von 60 auf 45 Prozent, und fast jeder fünfte Wissensarbeiter ist ohne Job.
Dazwischen liegt das deutliche Szenario. Hier kann KI bis 2030 die Hälfte der Wissensarbeit erledigen, der größte Teil davon wird aber noch gar nicht mit KI gemacht. Die Wirtschaft wächst doppelt so schnell wie üblich. Und dann kommt der Satz, um den es hier geht: Die Löhne für Wissensarbeit steigen nicht, andere Beschäftigte legen zu.
Das Papier beschreibt ausdrücklich Möglichkeiten, keine Prognose. Es rechnet mit Daten der US-Arbeitsverwaltung, übertragen auf Deutschland lässt sich die Richtung, nicht jede Zahl. Selbst Anthropics eigene Seiten runden unterschiedlich: Der Szenario-Rechner nennt für die typische Umfrageantwort 10 Prozent mehr Wirtschaftsleistung bis 2030, das Arbeitspapier 8 Prozent. Und hier rechnet ein KI-Anbieter über die Folgen seines eigenen Produkts, auch wenn die Autoren betonen, dass das Papier nicht die Sicht des Unternehmens wiedergibt.
Die Logik dahinter ist einfach. Wird Kopfarbeit billiger, weil KI sie übernimmt, fehlt dort der Druck, der Löhne nach oben treibt. Arbeit, die KI nicht übernehmen kann, wird relativ wertvoller: die Hand am Werkstück, das Gespräch an der Theke, der Einbau beim Kunden. Genau das sind die Berufe, für die wir hier schreiben.
Das deckt sich mit dem, was die Studie von GFU und Oliver Wyman heute für den Handel gezeigt hat. Der Servicespezialist vor Ort, der berät, einbaut und repariert, gehört dort zu den drei Handelsmodellen mit Zukunft. Beide Untersuchungen sagen auf ihre Weise dasselbe: Was man anfassen und vorführen muss, ist schwer zu ersetzen.
Anthropic hat im August außerdem über 10.000 Menschen in den USA gefragt, wie sie die KI-Entwicklung einschätzen. Die typische Antwort landet nah am deutlichen Szenario, laut Arbeitspapier mit 8 Prozent mehr Wirtschaftsleistung und 4 Prozent weniger Beschäftigung in der Kopfarbeit bis 2030. Rund jeder zehnte Befragte erwartet das extreme Szenario.
Für einen Betrieb heißt das nicht zurücklehnen. Auch der Handwerker hat einen Schreibtisch: Angebote, Rechnungen, Terminplanung, Bestellungen. Genau dieser Teil wird billiger, und wer ihn mit KI erledigt, hat mehr Zeit für den Teil, der bezahlt wird.
Dass andere Beschäftigte in einem Szenario Lohnzuwächse sehen, ist ein Modellergebnis für die gesamte US-Wirtschaft, keine Zusage an einzelne Branchen. Ob ein Betrieb davon etwas hat, hängt davon ab, ob seine Kunden mehr Geld übrig haben und ob er seine eigene Büroarbeit so effizient macht wie die Konkurrenz. Und im extremen Szenario verlieren so viele Menschen ihre Arbeit, dass auch die Nachfrage nach Handwerk leiden kann.
Schreibt eine Woche lang auf, wie viele Stunden in eurem Betrieb am Schreibtisch landen und wie viele beim Kunden oder am Werkstück. Angebote, Rechnungen, E-Mails und Terminabsprachen auf die eine Seite, Beratung, Einbau und Reparatur auf die andere. Die Schreibtischseite ist genau die Arbeit, die laut diesem Modell billiger wird. Wer sie jetzt mit KI verkleinert, gewinnt Stunden für die Seite, die niemand ersetzen kann und für die Kunden bezahlen.
Ich lese solche Modelle mit Vorsicht, gerade wenn ein KI-Anbieter sie veröffentlicht. Aber mir gefällt, dass Anthropic nicht nur das Horrorszenario zeigt, sondern die ganze Spannweite, und die Leute selbst schätzen lässt. Die Mehrheit landet in der Mitte, nicht beim Weltuntergang.
Und die Mitte ist für Handwerk und Handel eher eine gute Nachricht. Was man anfassen, einbauen und erklären muss, bleibt Menschenarbeit. Die Büroarbeit drumherum wird billiger, für alle. Wer das früh nutzt, hat einen Vorsprung, wer es ignoriert, schenkt ihn der Konkurrenz.
Quellen: Szenario-Rechner „Scenarios for our Economic Future“ des Anthropic Institute mit der Beschreibung der drei Szenarien und der Umfrage unter über 10.000 US-Bürgern im August 2026; das zugrunde liegende Arbeitspapier „Economic Scenarios for Transformative AI“ von Korinek, Jones, Sacher, Cotter und McCrory (Working Paper Nr. 2026-02, September 2026), daraus die Zahlen zu Wachstum, Lohnanteil und Arbeitslosigkeit; der Vergleich zum stationären Handel aus unserem Beitrag zur Studie von GFU und Oliver Wyman. Alle Werte sind Modellergebnisse für die USA, keine Prognose. Stand: 10.09.2026.
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