Der neue Bitkom Cloud Report 2026 bringt die deutsche Wirtschaft auf den Punkt: Fast alle wollen raus aus der US-Cloud — und kaum jemand tut es. Warum dieser Gap bei KI noch größer ist, und was du als Mittelständler wirklich tun kannst, statt nur zu seufzen.
Der Bitkom hat gerade seinen Cloud Report 2026 veröffentlicht, 603 Unternehmen ab 20 Mitarbeitern befragt. Und das Ergebnis liest sich wie eine Beziehung, die längst zu Ende sein sollte, aber niemand traut sich, Schluss zu machen.
85 % der Unternehmen halten Deutschland für zu abhängig von US-Cloud-Diensten — letztes Jahr waren es noch 78 %. 91 % würden deutsche Anbieter bevorzugen. Klingt nach klarer Sache, oder?
Dann kommt die Zahl, die alles erklärt: 71 % nutzen aktuell US-Angebote — obwohl nur 8 % sie wirklich bevorzugen. Das ist kein Strategiewechsel. Das ist eine kollektive Unzufriedenheit, die nichts ändert. Willkommen beim Say-Do-Gap.
Der Report ist kein Bauchgefühl, sondern eine repräsentative Befragung. Vier Werte solltest du dir merken — sie zeigen, dass die Stimmung dreht, die Praxis aber hinterherhinkt.
So viele Cloud-Nutzer bewerten das Herkunftsland des Anbieters als relevant. Souveränität ist kein Nischenthema mehr.
überdenken ihre Cloud-Strategie wegen der US-Politik — vor einem Jahr waren es 50 %. Die Bewegung ist real.
nutzen aktuell deutsche Anbieter — bei 91 %, die sie bevorzugen würden. Genau hier klafft die Lücke.
sehen keine gleichwertige europäische Alternative zu den US-Hyperscalern. Bequem — aber so pauschal nicht haltbar.
Quelle: Bitkom „Cloud Report 2026", repräsentative Befragung von 603 Unternehmen ab 20 Mitarbeitern; Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. Aufgegriffen über Telecom Handel. Vorjahresvergleiche aus demselben Report.
Weil „wechseln" sich leicht sagt und teuer anfühlt. Die großen Hyperscaler sind nicht aus Versehen Marktführer — sie sind oft schneller bei neuen Funktionen, tief integriert und bequem. Die Befragten geben das sogar offen zu: Manche wären bereit, für mehr Souveränität Kompromisse einzugehen.
25 % akzeptieren längere Wartezeiten auf neue Funktionen, wenn die Daten dafür in Deutschland bleiben.
12 % würden bis zu ein Fünftel höhere Preise zahlen. Souveränität hat also einen Marktwert — nur noch keinen Massenmarkt.
17 % nehmen schlechtere Bedienbarkeit in Kauf, 14 % verzichten auf einzelne Features. Der Anteil der Total-Verweigerer sank von 65 % auf 58 %.
37 % würden Cloud-Dienste mit reiner Deutschland-Datenverarbeitung nutzen — auch mit Nachteilen. Vor einem Jahr: 27 %.
90 % fordern stärkere staatliche Unterstützung für europäische Cloud-Lösungen, nur 30 % halten die bisherige für ausreichend. Verständlich. Aber: Auf Brüssel zu warten ist keine Strategie für dein Unternehmen im Hier und Jetzt. Die spannende Frage ist nicht, was der Staat tut — sondern was du in den nächsten 90 Tagen tust.
Der Bitkom-Report misst „Cloud". Aber reden wir kurz über die Schicht, die gerade obendrauf wächst und über die kaum jemand spricht: Künstliche Intelligenz.
Wenn dein Team ChatGPT, Gemini oder Copilot nutzt, läuft das fast immer auf US-Infrastruktur — OpenAI auf Microsoft Azure, die meisten Modelle auf AWS oder Google Cloud. Die KI-Welle hat die Cloud-Abhängigkeit nicht reduziert. Sie hat sie vertieft — nur merkt es kaum jemand, weil es sich nicht wie „Cloud" anfühlt, sondern wie ein hilfreicher Chat.
Und genau hier wird der Cloud Act unbequem: Ein US-Anbieter kann unter US-Recht zur Herausgabe von Daten verpflichtet werden — auch wenn der Server in Frankfurt steht. EU-Region heißt eben nicht EU-Jurisdiktion. Wer Kundendaten, Angebote oder interne Strategien in fremde Modelle kippt, hat ein Souveränitäts-Thema, das in keinem Cloud-Report-Balken auftaucht.
Erst kürzlich wurde Claude Fable 5 in Deutschland gesperrt — von heute auf morgen. Wer seinen Workflow an ein einzelnes Cloud-Modell genagelt hatte, stand still. Abhängigkeit ist nicht nur ein Datenschutz-, sondern ein Betriebsrisiko. Die ganze Geschichte gibt's hier.
43 % sagen, es gäbe keine ebenbürtige europäische Option. Für die Königsklasse stimmt das oft. Für den Alltag ist es eine Ausrede. Der Trick ist nicht „alles oder nichts" — sondern die Arbeit aufzuteilen.
Größenordnung aus der Praxis: Entwürfe, Zusammenfassungen, interne Wissenssuche, Übersetzungen, Standard-Automatisierungen laufen auf europäischen Diensten (IONOS, OVHcloud, STACKIT, Hetzner) oder lokalen Modellen (Mistral, Llama, Qwen via Ollama) gut. Nur die schwersten Kreativ- und Analyse-Aufgaben bleiben echtes Frontier-Terrain. Der genaue Schnitt variiert — die Richtung ist stabil.
Alltagsaufgaben, interne Daten, Kundenbezug — auf europäischer Cloud oder On-Prem. DSGVO-bewusst, Cloud-Act-sicher.
Verträge, Strategie, personenbezogene Daten durch lokale LLMs. Verlässt nie das Haus, kein Anbieter kann mitlesen.
Bewusst, nur für die schwersten Aufgaben — und ohne sensible Daten reinzukippen. Stärke nutzen, Risiko begrenzen.
Ein System mit Fallback, das einen Anbieter-Ausfall übersteht. Nicht ein Login — eine Entscheidung, die du triffst.
Niemand wechselt über Nacht von Azure auf den deutschen Mittelstands-Server. Aber jeder kann anfangen, die Arbeit aufzuteilen: das Sensible lokal, den Alltag in die EU, die Königsklasse bewusst dosiert. Aus 85 % Unzufriedenheit wird so 1 konkreter Plan.
Der Bitkom-Report ist kein Untergangsszenario — er ist ein Weckruf mit Hoffnung. Die Stimmung dreht messbar: mehr Skepsis, mehr Kompromissbereitschaft, mehr Firmen, die ihre Strategie überdenken. Das Bewusstsein ist da.
Was fehlt, ist der erste Schritt. Und der ist kleiner, als die 71 % glauben. Du musst nicht „die US-Cloud kündigen". Du musst nur aufhören, alles blind dorthin zu schieben — und anfangen, bewusst zu entscheiden, was wo läuft.
Bei KI ist dieser Schritt am dringendsten, weil dort die Daten am sensibelsten und die Abhängigkeit am unsichtbarsten ist. Wer das jetzt sauber aufsetzt, hat in zwei Jahren einen echten Vorsprung — statt einer Beziehung, aus der er immer noch nicht rauskommt.
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