Selbstbewusster Senior mit modernem Smartphone — die übersehene Zielgruppe Silver Economy
Strategie · Zielgruppen · Silver Economy · 18. Juni 2026

Erst die Kids,
jetzt die Senioren.

Eine Kinder-Smartwatch-Firma kauft sich für Millionen in den Seniorenmarkt ein — und ihr Gründer wusste schon 2016, dass das die bessere Zielgruppe ist. Was die Silver Economy und ein einziger Satz über deine Kunden für dein Marketing bedeuten.

Lesedauer7 Minuten
KategorieMarketing-Strategie
AnlassXplora / Doro / Emporia
Stand18. Juni 2026
Die graue Zielgruppe ist die unterschätzteste Käufer ist nicht gleich Nutzer Marke schlägt Geschwindigkeit Vom Produkt zur Plattform Demografie ist kein Risiko, sondern ein Markt Die graue Zielgruppe ist die unterschätzteste Käufer ist nicht gleich Nutzer Marke schlägt Geschwindigkeit Vom Produkt zur Plattform Demografie ist kein Risiko, sondern ein Markt

Eine Firma für Kinder-Uhren wettet auf Opa.

Sten Kirkbak gründete 2016 das norwegische Unternehmen Xplora — bekannt für Smartwatches, die Eltern ihren Kindern ans Handgelenk schnallen. Klassische Nische, klare Story. Aber im Interview mit Telecom Handel verrät er etwas, das mich hängen geblieben ist:

Schon vor dem Start zeigte eine Marktstudie, dass Senioren die bessere Zielgruppe wären als Kinder. Trotzdem startete er mit den Kids. Acht Jahre später korrigiert er das — mit dem Scheckheft: Xplora hat sich die Senioren-Handy-Marken Doro und Emporia einverleibt.

Klingt nach trockener Telko-Branchen-News. Ist aber eine der lehrreichsten Marketing-Geschichten des Jahres — und sie hat nichts mit Smartphones zu tun, sondern mit der Zielgruppe, an der die halbe Wirtschaft vorbeiredet.

Die Kurzfassung

Xplora-StartKinder-Smartwatch, 2016
Studie sagte damalsSenioren besser
Doro übernommen~1 Mio Geräte/Jahr
Emporia übernommen~10 Mio €
Größter MarktDeutschland
Die LektionZielgruppe ≠ Nutzer

Warum „die Alten"
ein Riesengeschäft sind.

Das hier ist kein Mitleids-Markt. Es ist ein wachsender, kaufkräftiger, loyaler Markt — und Xplora hat dafür echtes Geld auf den Tisch gelegt, statt es selbst aufzubauen.

1 Mio

Doro pro Jahr

Feature- und Smartphones, die Doro jährlich verkauft. Eine etablierte Maschine — kein Start-up-Versprechen.

300 Tsd

Emporia pro Jahr

Geräte, die Emporia jährlich absetzt — besonders stark in Deutschland, Xploras größtem Markt.

~10 Mio €

Preis für Emporia

Was Xplora für die Übernahme zahlte. Doro war sogar ähnlich groß bewertet wie Xplora selbst.

6–12

Monate bis SIM

So lange bis zur eigenen SIM-Karte in Deutschland — der Schritt vom Gerätehersteller zur Plattform.

Quelle: Interview mit Sten Kirkbak (CEO und Gründer von Xplora Technologies) in Telecom Handel (TH+). Alle Zahlen aus dem Gespräch; „rund zehn Millionen Euro“ und „etwa eine Million“ bzw. „rund 300.000 Geräte“ im Wortlaut.

Was du daraus lernst —
auch ohne Handy zu verkaufen.

Du musst keine Smartphones bauen, um aus dieser Story Profit zu schlagen. Die Mechanik dahinter gilt für fast jede Marke, jeden Shop, jede Dienstleistung.

Lektion 1 · Die graue Goldgrube
60+ wird ignoriert

Fast alle Werbung zielt auf 18–49. Dabei sitzt bei den Über-60-Jährigen Zeit, Loyalität und oft das größere Konto. Wer sie ernst nimmt, hat weniger Wettbewerb und treuere Kunden.

Lektion 2 · Der Knaller-Satz
Käufer ≠ Nutzer

Kirkbaks Daten: Rund die Hälfte der Geräte kauft „unsere Generation für unsere Eltern“. Heißt: Du verkaufst an die Tochter, benutzt wird's vom Vater. Du brauchst zwei Botschaften.

Lektion 3 · Kaufen statt bauen
Marke schlägt Tempo

Statt jahrelang eine Senioren-Marke aufzubauen, kaufte Xplora zwei fertige. Beide behalten ihren Namen — weil Markenbekanntheit der eigentliche Wert ist, nicht die Hardware.

Lektion 4 · Vom Produkt zur Plattform
Wiederkehrende Umsätze

Erst das Gerät, dann die eigene SIM-Karte, dann Schutz-Services gegen Betrüger. Aus einem Einmalverkauf wird eine laufende Kundenbeziehung — das eigentliche Geschäftsmodell.

Bonus-Lektion: Der Markt in der Mitte

Kirkbak sieht den nächsten Trend bei den 15- bis 60-Jährigen: „Detox Phones“ — bewusst reduzierte Handys für Menschen, die weg vom Dauer-Scrollen wollen. Übersetzt: Auch „weniger“ kann ein Premium-Verkaufsargument sein. Nicht jede Zielgruppe will mehr Features. Manche wollen Ruhe — und zahlen dafür.

Du verkaufst an den einen.
Benutzt wird's vom anderen.

Das ist der teuerste blinde Fleck im Marketing — und er steckt in einem einzigen Datenpunkt aus dem Interview. Mach ihn dir an einem Bild klar:

Wer das Gerät am Ende benutzt
Senior · 100 %
Wer es tatsächlich kauft & bezahlt
~ 50 % Kinder/Enkel

Laut Kirkbak wird rund die Hälfte der Anschaffungen „von unserer Generation für unsere Eltern“ getätigt. Der Nutzer ist immer der Senior — der Käufer aber in der Hälfte der Fälle jemand anderes. Wer nur den Nutzer anspricht, verliert den, der die Kreditkarte zückt. Und wer nur den Käufer anspricht, verkauft ein Produkt, das der Nutzer nicht bedienen mag.

So machst du das für deine Marke.

1.

Zielgruppe prüfen

Wen ignorierst du gerade aus Gewohnheit? Über-60, Pflegende, Angehörige, Einsteiger — wo ist deine übersehene Goldgrube?

2.

Käufer & Nutzer trennen

Sind das zwei verschiedene Menschen? Dann brauchst du zwei Botschaften, zwei Kanäle, zwei Argumente — nicht eine.

3.

Vertrauen vor Features

Diese Gruppen kaufen Sicherheit, Einfachheit, Service. Nicht das längste Datenblatt. Sprich Sorgen an, nicht Specs.

4.

Beziehung statt Verkauf

Was kommt nach dem ersten Kauf? Service, Abo, Betreuung — bau aus dem Einmalkunden eine wiederkehrende Beziehung.

Die beste Zielgruppe ist oft die,
über die keiner reden will.

Während alle um die jungen, lauten, umkämpften Segmente kämpfen, liegt daneben ein ruhiger, kaufkräftiger Markt — und niemand spricht ihn richtig an. Genau da entstehen die unfairsten Vorsprünge. Xplora hat hingeschaut. Die meisten Marken schauen weg.

Demografie ist kein Risiko. Sie ist ein Markt.

Wir reden über den demografischen Wandel immer als Problem — zu wenig Junge, zu viele Alte. Aus Marketing-Sicht ist das Quatsch. Eine wachsende, kaufkräftige, loyale Gruppe, die kaum jemand richtig anspricht? Das ist die Definition einer Chance.

Xplora hat acht Jahre gebraucht, um seiner eigenen Marktstudie von 2016 zu glauben. Du musst nicht so lange warten. Schau dir deine Zahlen an: Wer kauft wirklich bei dir — und für wen? Wenn die Antwort zwei verschiedene Menschen sind, hast du gerade dein nächstes Wachstumsfeld gefunden.

Und ja — KI hilft dir, genau diese unterschätzten Segmente zu finden, anzusprechen und zwei Zielgruppen gleichzeitig sauber zu bedienen, ohne dass dein Team daran verzweifelt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dein Zielgruppen-Check

Liste auf, welche Gruppen du aus reiner Gewohnheit nicht ansprichst.
Prüfe für dein Top-Produkt: Ist Käufer = Nutzer? Wenn nein → zwei Botschaften.
Formuliere je eine Anzeige für den Käufer und eine für den Nutzer.
Ersetze in der Senioren-Ansprache Features durch Sicherheit & Einfachheit.
Plane den Schritt nach dem Verkauf: Service, Abo oder Betreuung.
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